Das Gesetz des Karma. Karma und Kausalität

Von Marcus Schmieke

Das Wort Karma bezeichnet das Gesetz von Ursache und Wirkung, und zwar sowohl auf die grobstoffliche als auch auf die feinstoffliche Welt bezogen. Es knüpft die Wirkung an die Ursache.

In dem folgenden Diagramm wird die Geschichte eines Ereignisses in einem komplexen System dargestellt. Diese Darstellung der physikalischen Wirklichkeit ist in der modernen Physik üblich. Die Stelle, an der die Kurve die vertikale Achse schneidet, repräsentiert die Anfangsbedingungen des Systems. In der deterministischen Formulierung der klassischen Physik ist durch die Anfangsbedingungen und die dazugehörigen Bewegungsgleichungen der Rest der Kurve vorherbestimmt. Wie bereits erwähnt, gibt es jedoch auch eine nichtdeterministische Formulierung der klassischen Physik, in der die physikalischen Gesetze die lokale Form der Kurve um jeden Zeitpunkt herum festlegen, während die umfassende Form der Kurve mit großer Freiheit gewählt werden kann.
Abb. 1 Die klassische Physik beschreibt die zeitliche Entwicklung eines Systems als einen Pfad durch den Konfigurationsraum.
Richard Feynman hat diese Art der Darstellung auch in die Quantenphysik eingeführt. In seiner Darstellung wird die Geschichte eines Ereignisses nicht als ein Pfad durch den Konfigurationsraum dargestellt, sondern als die Summe aller möglichen Pfade, die das System in seiner klassischen Beschreibung wählen könnte. Diese Summierung wird mathematisch als ein Feynman-Integral bezeichnet und führt zu den gleichen Ergebnissen wie die herkömmliche Formulierung der Quantenmechanik. Auf diese Weise kann man der nichtdeterministischen Formulierung der klassischen Physik und der Quantenphysik eine ähnliche Form geben. Die Geschichte eines Ereignisses kann in dieser Formulierung der Quantenphysik als ein Bündel von Pfaden im Konfigurationsraum dargestellt werden, dessen lokale Form ebenfalls um jeden Zeitpunkt herum festgelegt ist, während die umfassende Form auch hier mit großer Freiheit gewählt werden kann.
Abb. 2 Die Geschichte eines physikalischen Ereignisses kann in der Feynmanschen Formulierung der Quantenmechanik als ein Bündel von möglichen Pfaden im klassischen Konfigurationsraum dargestellt werden.
Weder die individuelle spirituelle Seele noch die Überseele haben in diesem Diagramm einen Platz, weil beide von rein spiritueller Natur sind, während die fein- und grobstofflichen Körper der spirituellen Seelen als Pfade im Konfigurationsraum dargestellt sind.

Die materielle Energie ist ebenfalls von spiritueller Natur, da sie eine Erweiterung des Höchsten Wesens ist und damit nicht als eine unabhängige Substanz existiert. Wir können die Materie jedoch so darstellen, als hätte sie eine unabhängige Seinsweise, weil ihr Verhalten und ihre Wirkung eben auf eine solche Weise durch die Überseele arrangiert ist, daß sie diesen Eindruck erzeugt.

Die Überseele schafft die Illusion, daß die materielle Energie unabhängig handelt, indem sie ihrem an sich nichtmechanistischen Verhalten bestimmte Regeln und Gesetzmäßigkeiten auferlegt. Diese Gesetze gestatten es vielen mechanischen Vorgängen in der Natur, stattzufinden, ohne daß eine Führung durch eine höhere Intelligenz notwendig erscheint. Diese Gesetze und Regeln umfassen alle materiellen Ebenen von (1) bis (4) in unserer Auflistung, also nicht nur die bekannten und unbekannten physikalischen Gesetze, sondern auch die psychologischen Gesetze, die das Verhalten des materiellen Geistes kontrollieren.

Das gesamte System ist darauf ausgerichtet, ein Tätigkeitsfeld für die individuellen bewußten Seelen zur Verfügung zu stellen, die von der materiellen Energie mit maschinengleichen Körpern und Geistern ausgestattet sind. Die Verbindung zwischen dem spirituellen bewußten Selbst und dem materiellen Körper wird durch die Überseele aufrechterhalten. Die Ursache hierfür ist der Wunsch des individuellen Selbst, materiellen Genuß zu erfahren, das heißt die materielle Energie zu genießen. Da die der materiellen Energie auferlegten Gesetze nicht streng deterministisch sind, ist das bewußte Selbst in der Lage, seinen freien Willen zu manifestieren.

Das bewußte Lebewesen, das mit einem bestimmten Körper verbunden ist, kann die Tätigkeiten dieses Körpers nicht direkt steuern, und deshalb heißt es in der Bhagavad-gita, daß die individuelle Seele in dieser materiellen Welt nicht der Handelnde ist. Es ist die Überseele, die das individuelle Selbst und die Materie miteinander verbindet. Die Überseele ist sich der Wünsche des individuellen Selbst bewußt und lenkt dementsprechend die Abfolge der Ereignisse in der materiellen Energie. So bewegen sich die materiellen Elemente in Übereinstimmung mit den Wünschen der individuellen Seelen, doch die Verbindung zwischen den inneren Wünschen und den materiellen Tätigkeiten ist extrem subtil.

Natürlich können nicht alle Wünsche erfüllt werden. Der freie Wille des Individuums ist durch die Naturgesetze beschränkt, welche zu einem zu berücksichtigenden Grade, aber nicht vollkommen deterministisch sind. Darüber hinaus haben verschiedene Individuen einander widersprechende Wünsche, und die Überseele muß diese gegeneinander ausbalancieren. Ein reicher Mann will seinen Reichtum beschützen, während ein Dieb diesen Reichtum stehlen möchte. Letztlich wird der freie Wille des Individuums durch das Gesetz des Karma beschränkt, das den Verlauf seines Schicksals in Übereinstimmung mit seinen vorangegangenen Tätigkeiten modifiziert.

Das universale Bewußtsein oder die Überseele ist völlig transzendental zu Raum und Zeit, doch das bedeutet nicht, daß es in einer zeitlosen Leere existiert. Im Gegensatz dazu werden alle Ereignisse, Augenblicke und Orte der Raum-Zeit direkt von ihm wahrgenommen und gelenkt. Zusätzlich existieren andere Raum-Zeit-Kontinua und völlig nichtmaterielle Sphären der Wahrnehmung, die allesamt innerhalb des Bewußtseinsfeldes des Höchsten Wesens liegen. Die Formung der materiellen Raum-Zeit-Geschichte durch den Willen des Höchsten Wesens kann man sich deshalb als einen Vorgang vorstellen, der sich in der Zeit vollzieht, oder als einen transtemporalen Akt willentlicher Auswahl. Diese Idee entspricht wiederum dem Prinzip des acintya-bheda-abheda-tattva. Das Höchste Wesen besitzt gleichzeitig verschiedenste Eigenschaften in vollkommener Einheit.