Das Dogma der Molekularbiologie
Von Marcus Schmieke
Unsere heutige Naturwissenschaft beschränkt sich in ihrer Forschung und
ihren Modellen auf den Versuch, die erste Ebene der dreidimensionalen
Darstellung der grobstofflichen Wirklichkeit zu erklären. Diese
Selbstbeschränkung führt dazu, daß sie die Fähigkeit verliert, höhere
Zusammenhänge zu erkennen und in ihre Theorien mitaufzunehmen. »Wer die
westliche Wissenschaft kennt, weiß, daß sie fast nur dasjenige
empirisch zu Gesicht zu bekommen vermag, worauf sie theoretisch –
wenigstens in der Begrifflichkeit der Fragestellung – vorbereitet ist«,
schreibt C.F. v. Weizsäcker.
Die westliche Wissenschaft zerfällt in unzählige Spezialwissenschaften,
zwischen denen teilweise wenig oder gar kein Austausch existiert. Eine
hierarchische Gliederung finden wir auch auf dieser Ebene, denn die
Modelle, die das Verhalten der Elementarteilchen beschreiben,
unterscheiden sich von den Modellen der Atome und Moleküle, wie sie die
Physiker und Chemiker heute vor Augen haben. In der Biologie werden
wiederum andere Modelle der Materie verwendet, weil die Feinstruktur
der Atome und Moleküle für die Funktionsweise und Entwicklung lebender
Organismen und Zellen scheinbar vernachlässigt werden kann. Weiterhin
bedarf es ganz anderer Modelle, um große Systeme wie Ökosysteme, das
Klima oder die Erde (Geophysik) zu beschreiben. Vor ganz neue
Herausforderungen wird der Physiker dann durch die kosmologischen
Fragestellungen gestellt, vor allem wenn es darum geht, das Universum
als ein Ganzes zu beschreiben. Die hierzu notwendige Vereinigung von
Relativitätstheorie und Quantenmechanik wirft scheinbar unüberwindliche
Probleme auf.
An dieser Stelle möchte ich mich jedoch auf die Beschreibung lebendiger
Systeme, das heißt auf die Biologie beschränken und einige Probleme
betrachten, die das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen der
Naturgesetze bei der Beschreibung des Lebens betreffen.
Die erfolgreichsten Biologen sind häufig von einem molekularen
Reduktionismus fasziniert, der sie behaupten läßt, daß sich alle
Funktionen des Lebens auf Reaktionen zwischen Molekülen zurückführen
ließen. Diese Auffassung kommt in dem folgenden Zitat des
Nobelpreisträgers Severo Ochoas zum Ausdruck: »Auf der molekularen
Ebene befindet sich das Geheimnis der Vererbung und Evolution,
möglicherweise das Geheimnis des Lebens überhaupt, in bestimmten
chemischen Verbindungen, den Nukleinsäuren und Proteinen.« Diese
Auffassung, die man das molekularbiologische Dogma nennen könnte, soll
im folgenden untersucht werden. In einer Formulierung von Hans Primas
lautet dieses Dogma:
»Alle chemischen und alle biologischen Phänomene können molekular
erfaßt werden. Sofern die molekulare Beschreibung nur weit genug
getrieben wird, gibt sie uns das genaueste und tiefste Verständnis für
alle chemischen und biologischen Phänomene und ist letztlich das
einzige mögliche naturwissenschaftliche Wissen überhaupt.«
In einem 1990 zum 100. Geburtstag Erwin Schrödingers gehaltenen Vortrag
zum Thema »Biologie ist mehr als Molekularbiologie« hat sich der
Physiker Hans Primas in Form von sechs gut begründeten Thesen mit
diesem Dogma auseinandergesetzt, und ich möchte diese Thesen hier in
kurzer Form zusammenfassen:
1. These: Molekularbiologie ist eine technische Wissenschaft und
produziert in erster Linie Herrschaftswissen und nicht
Orientierungswissen.
2. These: Der in der Molekularbiologie üblicherweise als
unproblematisch betrachtete Ordnungsbegriff hat mit der makroskopischen
thermodynamischen Entropie so gut wie nichts zu tun. Jeder
Ordnungsbegriff ist kontextabhängig, wobei der Kontext viel wichtiger
ist als die verwendete mathematische Maßgröße.
3. These: Der Zufall ist der »deus ex machina« der Molekularbiologie.
Welchen naturwissenschaftlichen Stellenwert der essentielle Zufall
haben soll, ist ungeklärt.
In der klassischen Mechanik gibt es keine intrinsisch zufälligen
Ereignisse, denn die klassische Mechanik ist strikt deterministisch,
wenn auch nicht determinierbar.
Die prinzipiellen Wahrscheinlichkeiten der Quantenmechanik sind
kontextabhängig. Zufall ist hier weder mangelnde Ursache noch
mangelndes Wissen, sondern erzwungen durch die als möglich angenommene
freie Wahl des Experimentators zwischen einander ausschließenden
Versuchsanordnungen.
4. These: Eine ausschließlich kausale Weltsicht ist ein
Charakteristikum Baconscher Naturwissenschaft, welche auf technische
Aneignung der Natur zielt.
Eine finale Betrachtungsweise paßt zwar schlecht in das
Technikparadigma der heutigen Naturwissenschaft, ist aber ein
unentbehrliches Element biologischer Begriffsbildung.
Eine finale Betrachtungsweise in der Biologie hat nichts mit Vitalkräften zu tun.
Die ersten Prinzipien der Physik erlauben grundsätzlich sowohl kausale als auch finale Betrachtungsweisen.
5. These: Die Denkweise der Molekularbiologie ist immer noch dem
Paradigma der klassischen Physik des letzten Jahrhunderts verpflichtet.
Bis heute haben die grundlegenden Erkenntnisse der Quantenmechanik über
die Struktur der materiellen Welt in der Molekularbiologie keinerlei
Beachtung gefunden.
6. These: Die Molekularbiologie ist eine wissenschaftliche Technologie
geworden, die den Kontakt mit den hierarchisch tiefer und höher
liegenden erkenntnistheoretischen Naturwissenschaften verloren hat.
Der von der Quantentheorie erkannte holistische Charakter der
materiellen Welt wird von den Bioingenieuren entweder nicht zur
Kenntnis genommen oder als irrelevant beiseite geschoben.
Molekularbiologisch nicht erfaßbare Aspekte, wie etwa die Gestalt der
Lebewesen oder eine von Ehrfurcht getragene Zurückhaltung in der
Naturforschung, bleiben ausgeschlossen.
Somit ist es nicht verwunderlich, daß die Erkenntnisse der
Molekularbiologie, die unser wissenschaftliches Weltbild durchdringen,
zu Schlußfolgerungen führen, die einer spirituellen Weltsicht deutlich
widersprechen. Dieser Widerspruch ist schon in dem
molekularbiologischen Forschungsprogramm angelegt.
Für unsere weiteren Betrachtungen sind insbesondere zwei Konsequenzen
dieser Kritik an der Molekularbiologie interessant: Dem Zufall wird
seine grundlegende Bedeutung in den Naturwissenschaften entzogen, und
die physikalischen Erkenntnisse erlauben sowohl die kausale als auch
die finale Betrachtungsweise, wobei die finale, d.h. zielgerichtete
Betrachtungsweise vor allem zur Beschreibung lebender Systeme notwendig
ist. Diese wichtige Einsicht hat Wolfgang Pauli, einer der
bedeutendsten Physiker unseres Jahrhunderts, in einem 1954 verfaßten
Artikel folgendermaßen formuliert:
»Dieses Modell der Evolution ist ein Versuch, entsprechend den Ideen
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, an der völligen Elimination
aller Finalität theoretisch festzuhalten. Dies muß dann in irgendeiner
Weise durch Einführung des Zufalls ersetzt werden.«