Der Materialismus überwindet sich selbst

Von Marcus Schmieke

Die am strengsten mechanistische Theorie ist die klassische Physik mit ihren Implikationen für das gesamte Weltbild. Sie ist von ihrer prinzipiellen Struktur her streng deterministisch, d.h., die Welt verhält sich wie eine Maschine, die unter dem Einfluß der fortschreitenden Zeit einen in den Anfangsbedingungen festgelegten Gang geht. In diesem Fall verhält sich die physikalische Welt wie ein Uhrwerk. Die Wirklichkeit besteht hierbei aus Raum, Zeit und Materie, wobei die Materie in kleinste Einheiten unterteilt ist, die miteinander in Wechselwirkung stehen und sich somit unter dem Einfluß einfacher Bewegungsgleichungen im Raum bewegen.

Wie wir schon erwähnt haben, wird dieser prinzipielle Determinismus durch die Entdeckung des deterministischen Chaos praktisch gesehen stark in Frage gestellt, weil infinitesimale Ungewißheiten in den Anfangsbedingungen in relativ kurzer Zeit zu jeder beliebigen Abweichung in der Wirkung führen können.

Die Quantenphysik hat dem Einzug des Zufalls als kausalem Faktor in die Naturwissenschaft dann eine ontologische Grundlage verschafft. Die beobachteten physikalischen Ereignisse auf der mikroskopischen Ebene gehorchen statistischen Gesetzmäßigkeiten, die darauf schließen lassen, daß ihre Verursachung rein zufälliger Natur ist. Somit schlägt sich der Zufall dann in der Quantenphysik zwar nicht in den immer noch deterministischen Bewegungsgleichungen wie der Schrödingergleichung nieder, wohl aber in der prinzipiellen Unschärfe komplementärer Größen wie Ort und Impuls oder Zeit und Energie. Bei der Übersetzung in die Sprache der klassischen Physik zeigt sich, daß die physikalischen Größen der klassischen Beschreibung durch die Schrödingergleichung nicht wohlbestimmt sind. Bei der Messung klassischer Größen, dem Meßprozeß, kommt somit der Zufall als die Ursache eines Meßergebnisses und damit der weiteren physikalischen Entwicklung eines Quantensystems ins Spiel.

Viele Physiker mochten sich mit Gott »Zufall« als der Ursache der Vielfalt der Welt nicht abfinden und suchten somit nach verborgenen Gesetzen, die auf eine verborgene Ordnung hinter dem Zufallsgeschehen der Quantenphysik hindeuten. Wir möchten hier nicht im einzelnen auf diese Erklärungen eingehen, da wir im 6. Kapitel eine spirituell begründete Naturwissenschaft darstellen wollen, die diese detaillierten Analysen unnötig macht, indem sie die wirklichen Zusammenhänge aufzeigt.

Außer dem Einzug des Zufalls in die Physik sorgte auch die Entdeckung der Nichtlokalität für Kopfzerbrechen. Voneinander raumartig getrennte Ereignisse scheinen durch die Quantenphysik in einer Weise verbunden zu sein, die den Rahmen unseres gewöhnlichen Weltbildes sprengt, da die zugehörigen physikalischen Wechselwirkungen die gefundenen Korrelationen nicht einmal verursachen könnten, wenn sie mit dreifacher Lichtgeschwindigkeit übertragen würden, was der Forderung der Relativitätstheorie zu widersprechen scheint.

Der mittlerweile verstorbene Physiker David Bohm versuchte, diese zwei Probleme zu verstehen, indem er die Idee der verborgenen Variablen einführte. Er schlug vor, die Beschreibung der Quantenphysik durch verborgene Variablen zu ergänzen, die das exakte Geschehen anstatt des Zufalls bestimmen, jedoch nicht direkt beobachtet werden können. Diese Variablen konstituieren eine verborgene Ordnung hinter den uns bekannten Naturgesetzen, die wir ebenfalls nicht direkt wahrnehmen können und die die physikalischen Ereignisse in ähnlicher Weise manifestiert, wie sich eine Wolke aus feuchter Luft heraus kondensiert. Die Ordnung, die wir in den gemessenen Phänomenen sehen, ist ein Produkt dieser unbeobachteten Ordnung.