Materie heißt trennen

Von Marcus Schmieke

Carl Friedrich von Weizsäcker verfolgt das Programm, die Naturwissenschaft und vor allem die Physik aus einer kleinen Anzahl von Grundsätzen oder Axiomen herzuleiten. Solche Axiome sind von Natur aus nicht beweisbar, da sie als Grundsätze nicht mehr auf noch grundlegendere Sätze zurückführbar sind. Sein Ziel ist es jedoch, die Physik auf eine Reihe von Axiomen zu gründen, deren Gültigkeit nicht angezweifelt werden kann, da sie Voraussetzung für die Existenz der menschlichen Wahrnehmung sind. Solche Axiome bezeichnet er als »preconditions of experience«. Schon René Descartes kam in seinen Meditationen zu der Schlußfolgerung, daß das einzige, woran er nicht zweifeln kann, ist, daß er denkt oder daß er wahrnimmt. Diese Feststellung veranlaßte ihn zu seinem berühmt gewordenen Ausspruch »cogito ergo sum« oder »Ich denke, also bin ich.«

Um die Physik auf der Grundlage solcher Axiome zu konstruieren, bemüht von Weizsäcker sich zunächst einmal darum, die Quantenphysik axiomatisch zu begründen. Er hält die Quantenphysik für die grundlegendste und umfassendste aller wissenschaftlichen Theorien und hofft, auf ihrer Grundlage die gesamte Physik aufbauen zu können.

Für seine Konstruktion verwendet er die Existenz empirisch entscheidbarer Alternativen und das Konzept der Wahrscheinlichkeit. Eine Voraussage über das Ergebnis einer empirischen Entscheidung dieser Alternativen sei nur mit einer Wahrscheinlichkeit zwischen 1 und 0 möglich.

Für die vollständige Konstruktion der Quantenphysik bedarf es jedoch noch einer dritten Annahme, die er bisher noch nicht als eine precondition of experience identifizieren konnte. Diese Annahme ist das Superpositions- oder Unbestimmtheitsprinzip, das die folgende Form hat: Für jede Alternative zweier Aussagen, die einander ausschließen, existiert eine dritte Aussage, die keine von beiden ausschließt und mit ihnen durch eine wohldefinierte Wahrscheinlichkeit zwischen 1 und 0 verbunden ist.

Er hält diese einfache Formulierung für ausreichend, sogar das Problem der Elementarteilchenphysik zu lösen. Indem er alle Entscheidungen in der Physik auf binäre Alternativen zurückführt, kann er zeigen, daß eine solche Quantenphysik in einem dreidimensionalen euklidischen Raum dargestellt werden muß, der mit der Zeit vermittels der Relativitätstheorie verbunden werden muß.

In einem Kapitel mit dem Titel »Jenseits der Quantenphysik« gibt er uns jedoch einen interessanten Hinweis auf das grundlegende Problem hinter diesem Versuch, eine mechanistische Wissenschaft zu begründen. Er schreibt:

»Wenn mein theoretischer Ansatz richtig sein sollte, könnte ich behaupten, daß die Quantentheorie bereits die letztendliche Theorie oder vielleicht die letzte Theorie einer endlichen Serie geschlossener Theorien ist (mit einer unendlichen Serie abgeschlossener Theorien kann ich keine Bedeutung verbinden). Die Quantentheorie beruht auf einer Vorausannahme, meinem ersten Postulat, daß es voneinander unabhängig entscheidbare Alternativen gibt, von denen man eine unabhängig von der Entscheidung anderer entscheiden kann. Doch in Wirklichkeit mag das einfach nicht der Fall sein, vielleicht ist es einfach ein Irrtum. Es mag wohl sein, daß die Wirklichkeit, wenn sie spirituell ist, eine große Einheit ist, in der, was immer man von der Einheit trennt, einfach nicht mehr wahr wäre, oder einfach nur eine Näherung darstellen würde.

Daher bin ich sofort bereit zu akzeptieren, daß die ganze Physik, die wir machen, einfach ein Resultat des nun drei Jahrtausende währenden Bestrebens der abendländischen Zivilisation ist, eine völlig andere Weltsicht anzunehmen, indem sie versucht, die Welt in kleine Teile zu transformieren, über die man unabhängig voneinander sprechen kann. Dieses würde die indische oder buddhistische Kultur von vornherein ablehnen. Doch trotzdem waren wir damit sehr erfolgreich. Was ich zu beschreiben versucht habe, ist die Möglichkeit einer solchen speziellen Weltsicht und ihrer Folgen, die jetzt seit 3 000 Jahren in der Menschheit vorherrschend ist und wieder von etwas anderem überwunden werden könnte.«

Hier finden wir eine sehr schöne Definition eines spirituellen Ansatzes zum Verständnis der Welt und seines materialistischen Gegenpols. Die spirituelle Weltsicht betrachtet die Welt als ein unendlich komplexes System von Beziehungen, das sich nicht in einzelne abgeschlossene Systeme zerlegen läßt. Sobald man das tut, trennt man die Dinge notwendigerweise von ihrem gemeinsamen Ursprung und gelangt zu einer materiellen Beschreibung, die bestenfalls eine Näherung sein kann, da sie bestimmte Beziehungen einfach vernachlässigt.

Die Materie ist nach diesem Verständnis der Teil der Wirklichkeit, für den eine solche Beschreibung möglich ist. Wenn man die Materie von ihrem spirituellen Ursprung losgelöst betrachtet, erhält man eine Beschreibung, die einem in begrenzter Weise die Möglichkeit gibt, diesen separierten Teil der Wirklichkeit zu beherrschen und für die eigenen Pläne und Ziele zu nutzen. Tatsächlich erweist sich dieses Bestreben jedoch immer wieder als Illusion, da es für uns als von der Materie bedingte Wesen nicht möglich ist, die vom höchsten unbedingten Wesen kontrollierte materielle Welt zu beherrschen. Deswegen führt dieser Kurs, den die moderne abendländische Zivilisation gewählt hat, zu dem gescheiterten Versuch, der Herr der Natur zu werden und sich selbst aus der Natur zu trennen, denn nur dann kann man sich als ihr Herrscher aufspielen.

Die spirituelle Alternative hierzu besteht darin, sich selbst als einen Teil der ewigen spirituellen Natur zu betrachten und auf diese Weise all die Beziehungen, in denen man existiert, zu verstehen. Hierdurch verstehen wir unsere Beziehung zur Natur nicht als ihr Genießer und Ausbeuter, sondern wir können sie als nicht von Gott verschieden oder als Energie Gottes respektieren, die zum Nutzen aller Lebewesen für deren spirituelle Entwicklung, das heißt für ihren Weg zurück zu Gott, existiert.

Materie ist somit die von ihrem spirituellen Ursprung getrennte Energie, die dann in unabhängig voneinander existierende Teile zu zerfallen scheint. Ein spirituell entwickeltes Bewußtsein wirkt dieser Tendenz entgegen und setzt auch durch sein Handeln in dieser Welt deren Teile wieder in Beziehung zur spirituellen Einheit oder zu Gott. Dieser Vorgang der Verbindung wird in seinen verschiedensten Variationen im Sanskrit als Yoga bezeichnet. Im 8. Kapitel wird dieses Thema ausführlicher beschrieben werden.

Schon Cäsar hat den Ausspruch »divide et impera« geprägt, was »teile und herrsche« bedeutet. Das Teilen macht uns die Welt einer mechanistischen Beschreibung zugänglich, deren zukünftiges Verhalten wir zu einem bestimmten Grade vorhersagen können.