Die sechs vedischen Philosophien

Von Marcus Schmieke

Als Philosophie wird in der vedischen Tradition die Sicht und Darstellung der Wahrheit aus einer bestimmten Perspektive heraus bezeichnet. Es gibt so viele Philosophien, wie es verschiedene Perspektiven gibt, aus der heraus sich die Menschen mit der Wirklichkeit beschäftigen.

Ein vollständiges System des Wissens umfaßt drei Aspekte, nämlich Wissen über die unbewußte Materie (acit), über das bewußte Lebewesen (cit) und über den Beherrscher von beiden (isvara).

Weiterhin läßt sich ein solches System in drei Kategorien unterteilen, nämlich sambandha (Wissen über die Beziehung zwischen den drei Aspekten), abhidheya (den Vorgang zur Vollkommenheit) und prayojana (die Beschreibung des Ziels allen Wissens und aller Bemühungen).

Erst wenn ein System des Wissens all diese Aspekte und Kategorien in konsistenter Weise auf der Grundlage der vedischen Schriften umfaßt und eine ununterbrochene Schülernachfolge transzendentalen Ursprungs nachweisen kann, wird es als tattva-darsana, als Wissen, das die Wahrheit sichtbar macht, anerkannt. Historisch gesehen haben sich im Rahmen des vedischen Systems vor allem sechs Schulen des Wissens entwickelt (sad darsana), die jeweils verschiedene Aspekte des vedischen Wissens stärker hervorheben als die anderen und durch ihre Vielfalt und ihr umfassendes Spektrum zeigen, welch große philosophische Freiheit der Rahmen vedischer Wissenschaft zuläßt.

1) Vaisesika

Diese Philosophie geht auf Kanada Rsis Vaisesika-sutras zurück und wird auch als Atomtheorie bezeichnet. Sie besagt, daß das sichtbare Universum aus einem ursprünglichen Satz unzerstörbarer Atome besteht. Neben den Atomen gelten sowohl die individuellen Seelen als auch die Überseele als ewig. Ihr besonderer Beitrag zum System des vedischen Wissens besteht darin, daß sie insbesondere die grundlegenden metaphysischen Kategorien der Wirklichkeit darlegt.

2) Nyaya

Diese auch als Wechselwirkungstheorie bezeichnete Philosophie betrachtet die Wechselwirkung zwischen den Bausteinen der Materie als ursächlich. Sie geht auf die Lehren Gautama Munis zurück, die er in seinen Nyaya-sutras festgehalten hat. Dort wird behauptet, daß man Befreiung erlangen kann, indem man sowohl Illusion als auch Unglück verneint. Logik (nyaya) wird als wesentlicher Bestandteil des Weges zur Befreiung angesehen. In der systematischen Darlegung der logischen Prinzipien und Techniken besteht der wesentliche Beitrag der nyaya-Tradition zur Kultur des vedischen Wissens.

3) Sankhya

In der sankhya-Philosophie, die auf den Sankhya-karika von Kapila Muni zurückgeht, wird die Wechselwirkung zwischen Bewußtsein und Materie in den Mittelpunkt aller Betrachtungen gestellt. Der Beitrag der sankhya-Philosophie zur vedischen Bildung besteht vor allem in der Beschreibung der Evolution der materiellen Elemente vom Feinstofflichen zum Grobstofflichen. Dieses System darf nicht mit dem sankhya-System der bhagavat-Schule, auf das sich das 6. Kapitel bezieht, verwechselt werden, da es in der Wechselwirkung zwischen Materie und Bewußtsein die Tätigkeiten des Bewußtseins außer acht läßt.

4) Yoga

Im klassischen yoga-System von Patanjali steht das individuelle Bewußtsein im Mittelpunkt aller Betrachtungen und Aktivitäten. Der in den Yoga-Sutras von Patanjali Muni dargelegte achtfache yoga-Weg wurde bereits kurz beschrieben und strebt den transzendentalen Zustand der Selbstverwirklichung durch einen mechanischen Vorgang an, der aus Übungen und Meditation besteht. Hierin besteht der große Beitrag des yoga-Systems der Philosophie zum System der vedischen Bildung.

5) Karma Mimamsa

Die Purva-mimamsa-sutras von Jaimini Rsi weisen den Weg des materiellen Genusses und betrachten materielle Tätigkeiten und deren Resultate als den wichtigsten Aspekt der Wirklichkeit. Sie beschreiben den Weg, durch die Ausführung guter Tätigkeiten gutes karma anzusammeln und dadurch seine materielle Position zu verbessern. Ihr wichtigster Beitrag zur vedischen Kultur des Wissens ist eine systematische Darlegung der Mittel, die zur Auslegung der vedischen Schriften zur Verfügung stehen, und eine detaillierte Beschreibung der vedischen yajnas (eine subtile Technik zur Bewältigung materieller Probleme).

6) Brahma Mimamsa

Die brahma mimamsa- oder mayavada-Philosophie hebt den unpersönlichen Aspekt des Absoluten hervor und betrachtet die gesamte materielle Manifestation als maya oder Illusion. Astavakra Muni und andere Philosophen vertraten diese Ansicht und betrachteten das unpersönliche brahman als den letztendlichen Ursprung allen Seins. Diese Philosophie wurde später vor allem von Shripad Sankaracarya vertreten, dessen Ansichten erst durch die großen Vaisnava-Acaryas oder Lehrer des Vedanta-Sutra überwunden wurden, deren Schulen im folgenden kurz beschrieben werden.

All diese Philosophien fanden viele Anhänger, doch keines konnte zufriedenstellend das gesamte vedische Wissen darstellen. Somit repräsentiert jedes dieser Systeme nur einen Teilaspekt der Wahrheit, versagt jedoch vollständig, wenn es als letztendliche Erklärung herangezogen werden soll. Als Schlußfolgerung des vedischen Wissens (vedanta)gilt das Vedanta Sutra, das die Unzulänglichkeit der anderen Philosophien zeigt und als einziges System die widerspruchsfreie Vereinigung aller vedischen Schriften leistet. Die vedanta-Philosophie enthält alle anderen Systeme als untergeordnete Verständnisebenen und betont damit ihren eigentlichen Wert und Nutzen. Aus der Perspektive des Vedanta heraus werden die sechs Philosophien als Ausdruck verschiedener materieller Motivationen verständlich, während die vedanta-Philosophie die Essenz der Veden ohne materielle Motivation, das heißt ohne ein äußeres Anliegen darlegt.