Das Spektrum spiritueller Erfahrungen – eine erkenntnistheoretische Analyse


Von Marcus Schmieke

In diesem Diagramm zum Spektrum der spirituellen Erfahrungen, das im letzten Kapitel bereits gezeichnet wurde, finden wir drei Spektren, die durch das Prisma miteinander in Beziehung gesetzt werden und zwar:

i) die
verschiedenen Aspekte des Absoluten als die Objekte der Erkenntnis,

ii) die
verschiedenen Wege, die der Suchende wählt, um sich dem Absoluten zu nähern,

iii) das
Spektrum der spirituellen Erfahrungen.

Das Prisma in der Mitte stellt in diesem Bild das Bewußtsein der Person dar, die eine bestimmte spirituelle Erfahrung macht, und ist der vierte Faktor, der zu der Vielfalt der spirituellen Erfahrungen beiträgt. Diese vier Dimensionen der Erkenntnis werden im folgenden genauer analysiert:

Die verschiedenen Aspekte des Absoluten

Auch das Absolute manifestiert sich dem Suchenden in drei Phasen, die nicht voneinander verschieden sind und eine höchste Einheit bilden. Diese drei Phasen werden im Sanskrit als Brahman, Paramatma und Bhagavan bezeichnet und entsprechen den sat-, cit- und ananda-Aspekten der höchsten Wirklichkeit.

i)
Brahman: Der unpersönliche Aspekt Gottes, der seinen Ewigkeits- oder sat-Aspekt darstellt. Diese Form der spirituellen Wirklichkeit ist die undifferenzierte, eigenschaftslose Einheit allen Seins und ist frei von persönlicher Individualität. Mystikern aller Traditionen hat sich das Brahman in der mystischen Einheitserfahrung offenbart, die die Grenzen der persönlichen Identität überschreitet und dem Erkennenden seine Einheit mit Gott erfahren läßt.

ii)
Paramatma: Der lokalisierte Aspekt Gottes, der sich im Herzen eines jeden Lebewesens im Einflußbereich der materiellen Energie befindet und das Lebewesen bei seiner Reise durch die verschiedenen Lebensformen in der materiellen Welt begleitet. Diese Form Gottes gibt dem Lebewesen seinen Wünschen entsprechend eine bestimmte Form von Wissen und Intelligenz und bringt das verkörperte Lebewesen dazu, entsprechend seines Karmas zu handeln. Obwohl Paramatma oder die Überseele in viele aufgeteilt zu sein scheint, ist sie dennoch eins. Die Phänomene der Inspiration und Intuition sind auf den Austausch zwischen der Seele und der Überseele zurückzuführen. Obwohl die Überseele uns entsprechend unserer Wünsche durch die materielle Welt führt, besteht ihr eigentliches Anliegen darin, uns in die spirituelle Welt zurückzubringen.

Die Überseele ist die alldurchdringende und gleichzeitig lokalisierte Form Gottes, die die kosmische Intelligenz hinter der materiellen Manifestation verkörpert. Sie entspricht dem cit- oder Wissens-Aspekt des Absoluten.

iii)
Bhagavan: Dies ist die persönliche Form der absoluten Wahrheit und verkörpert diese auf vollkommenste Weise. Diese persönliche Form Gottes, ist völlig transzendental zu allen materiellen Beschränkungen wie Raum und Zeit und besitzt keine materiellen Eigenschaften. All ihre Eigenschaften sind transzendental und verkörpern in vollkommener Weise die sat-cit-ananda-Form des Höchsten, das heißt die ewige Form transzendentalen Wissens und transzendentaler Glückseligkeit. Obwohl die Persönlichkeit Gottes eins ist, erscheint sie in unbegrenzt vielen Formen mit unbegrenzt vielen Eigenschaften und transzendentalen Namen. Diese Formen offenbaren sich dem Suchenden entsprechend seiner persönlichen Wünsche. Einige Namen dieser Formen sind Krsna, Narayana, Vasudeva, Visnu usw. Die Erkenntnis der Höchsten Persönlichkeit Gottes schließt die Erkenntnis des lokalisierten und des unpersönlichen Aspekts des Absoluten mit ein und bildet das Summum Bonum der Gotteserkenntnis.

Die verschiedenen Erkenntniswege

Grundsätzlich handelt das verkörperte Selbst in der materiellen Welt auf drei verschiedene Arten, die sich auf der gesellschaftlichen Ebene in drei Formen menschlicher Kultur niederschlagen. Diese drei Handlungsweisen entsprechen wiederum den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur und sind der vierten transzendentalen Funktion des Selbst untergeordnet: i) karma ii) jnana und iii) yoga. Karma bezieht sich auf die Kultivierung und Erfüllung materieller Wünsche, während jnana die Loslösung von der materiellen Welt kultiviert und ihre Überwindung anstrebt. Yoga strebt nach der Verbindung mit der Überseele und führt den Transzendentalisten zu mystischen Kräften. Zu transzendentaler Erfahrung führen nur der Weg des jnana und des yoga, die zusammen mit dem Weg der bhakti die drei ursprünglichen Erkenntnisvermögen der Seele bilden. In dieser Funktion werden sie als jnana-yoga, astanga-yoga und bhakti-yoga bezeichnet, wobei das Wort yoga bedeutet, daß diese Wege zur Verbindung mit Gott führen.

jnana-yoga

Der Weg des jnana-yoga entspricht der Fähigkeit der Seele, zwischen materiell und spirituell unterscheiden zu können und nutzt diese Fähigkeit zur Entwicklung transzendentalen Wissens und Loslösung von der materiellen Welt. Das direkte Objekt dieser Erkenntnis ist der unpersönliche Aspekt Gottes, der sozusagen der vollkommenen Verneinung materieller Vielfalt entspricht, doch wenn der jnana-Sinn der Seele vom yoga-Sinn der Seele beeinflußt wird, führt dieser Weg weiter zur Meditation über den lokalisierten Aspekt Gottes:

astanga-yoga

Dieser Weg entspricht dem yoga-Sinn der Seele, der die Seele befähigt, die Gegenwart Gottes im eigenen Herzen, das heißt im feinstofflichen Körper durch Meditation wahrzunehmen. Diese Meditation ist eine Funktion des geläuterten Geistes, der mit Hilfe der geläuterten Intelligenz auf das Herzzentrum des feinstofflichen Körpers gerichtet wird und dort die Gegenwart der Überseele wahrnimmt. Der klassische achtfache Yoga-Weg (asta=acht und anga=Teile) nimmt den folgenden Verlauf:

1. und 2. yama und niyama: Das Befolgen bestimmter Regeln und Regulierungen, die die Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Meditation bilden. Dazu gehört das Leben in der Einsamkeit, Sauberkeit, Religiosität, Enthaltsamkeit usw.

3. asana: Das Praktizieren körperlicher Sitzstellungen, die dazu führen, daß die Störungen, die der Körper auf dem Weg zur vollkommenen Meditation verursachen könnte, reduziert und ausgeschaltet werden. Die asanas sollen der Seele einen Sitz im Körper schaffen. Sie beruhen auf der Beherrschung der drei niederen Elemente Erde, Wasser und Feuer.

4. pranayama: Das wissenschaftliche System der Beherrschung des Atems, das die Wirkungsweise des Luftprinzips ausnutzt und dazu führt, daß der Yogi seinen Geist vollkommen beherrschen kann. Durch den Vorgang des pranayama entwickelt der Yogi bereits die dem Element Luft zugeordneten mystischen Fähigkeiten. Über den Atem beherrscht der Yogi hiermit die subtile Lebenskraft (prana), die in seinem Körper zirkuliert und die Funktionen seiner Sinne aufrechterhält. Prana verursacht außerdem die drei Arten der Selbstidentifikation mit dem Körper, dem Geist und den Sinnen, die durch diesen Vorgang überwunden werden können.

5. pratyahara: Wenn der Yogi erfolgreich seine Sinne und seinen Geist beherrscht, kann er seine Sinne vollkommen von den Sinnesobjekten zurückziehen und auf diese Weise vollständig von der Tendenz zu äußerem Handeln frei werden. Dieser Zustand wird mit dem einer Schildkröte verglichen, die ihre Gliedmaßen in den Panzer zurückziehen kann.

6. dharana: Hierdurch bekommt der erfolgreiche Yogi die Fähigkeit, seinen Geist zu konzentrieren und somit von allen Ablenkungen zu befreien.

7. dhyana: Durch diese Vorbereitungen ist der Yogi nun endlich in der Lage, seinen Geist auf die Überseele im Herzen zu richten und in dieser Meditation über den lokalisierten Aspekt Gottes unbegrenzte Freude zu erfahren.

8. samadhi: Der vollkommene Zustand der Meditation, der auch als Trance bezeichnet wird, in dem der Yogi die Überseele ständig mit seinen transzendentalen inneren Sinnen wahrnimmt und kein äußeres Bewußtsein mehr hat. In diesem Zustand erfährt er unbegrenzte transzendentale Freude.

Dieser Pfad ist sehr schwierig, setzt sehr große Qualifikationen voraus und benötigt im allgemeinen sehr viel Zeit. Er ist für die Menschen unseres Zeitalters fast undurchführbar geworden und wird nur von wenigen Yogis im Himalaya praktiziert. Aus der meditativen Erkenntnis der Überseele heraus mag der Yogi den Wunsch entwickeln, seine ursprüngliche Beziehung zu Gott wiederzuerlangen, und an dieser Stelle beginnt der Weg der bhakti.

bhakti-yoga

Die ursprüngliche Funktion der Seele ist Wissen und Bewußtsein, ihre natürliche Neigung ist es jedoch, zu lieben. Wird diese Neigung auf die Materie gerichtet, entwickelt sich daraus Anhaftung und der Wunsch, die materielle Energie zu genießen. Richtet die Seele ihre Liebe und Zuneigung auf die Persönlichkeit Gottes, wird die ursprüngliche Beziehung der Seele zu Gott erweckt, und das ursprüngliche transzendentale Bewußtsein vollkommener Gotteserkenntnis manifestiert sich. Der Weg der bhakti ist der Weg der liebenden, erkennenden Hingabe oder des hingebungsvollen Dienstes zu Gott und führt zur Erkenntnis der verschiedenen transzendentalen Formen Gottes. Jedes Lebewesen hat eine ursprüngliche ewige Beziehung zu Gott, die sich durch den spirituellen Körper des Lebewesens hindurch manifestiert. Durch den Vorgang des bhakti-yoga entwickelt das Lebewesen diesen ursprünglichen spirituellen Körper, der mit spirituellen Sinnen ausgestattet ist, und erkennt mit Hilfe der spirituellen Sinne dieses nichtmateriellen Körpers die Form Gottes. Der vollkommene Bhakti-Yogi dient der transzendentalen Persönlichkeit Gottes mit diesen spirituellen Sinnen.

Somit behält das Lebewesen selbst nach der Befreiung von allen materiellen Eigenschaften seine individuelle Existenz bei, die zu der Vielfalt der transzendentalen Gotteserkenntnis führt. Außer dieser durch die spirituellen Unterschiede der Lebewesen bedingten Vielfalt spiritueller Erkenntnis interferieren die verschiedenen Wege spiritueller Erkenntnis mit den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur, die die Lebewesen entsprechend ihrer materiellen Wünsche in unterschiedlicher Weise beeinflussen.

Der folgende Abschnitt beschreibt systematisch die verschiedenen philosophischen Traditionen, die im Rahmen der vedischen Kultur existieren und Ausdruck der unterschiedlichen Beeinflussung der transzendentalen Erkenntniswege durch die materielle Energie sind.