Jenseits der Erscheinungsweisen

Von Marcus Schmieke

ie vedische Literatur enthält viele Beschreibungen von Persönlichkeiten, die in bezug auf ihre Wahrnehmung und ihre Tätigkeiten die drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur vollkommen transzendiert haben. Einige dieser Persönlichkeiten werden als tri-kala-jna bezeichnet, d.h. sie sind sich vollkommen über die drei Phasen der Zeit bewußt. Sie kennen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, weil sie die Illusion der Aufteilung der materiellen Zeit in ihre drei Phasen überwunden haben, die den drei Erscheinungsweisen der Natur entsprechen. Diese Persönlichkeiten sind auf der spirituellen Ebene verankert, d.h. sie stehen nicht unter dem Einfluß der materiellen Energie. Sie handeln in dieser materiellen Welt, sind sich jedoch jederzeit über die spirituelle Wirklichkeit bewußt. Einerseits besteht ein großer Teil der vedischen Texte aus den Unterweisungen dieser Weisen an ihre Schüler oder beschreibt deren transzendentale Aktivitäten. Auf der anderen Seite beziehen sich die in diesen Schriften beschriebenen Weisen jederzeit auf die Aussagen anderer vedischer Texte und lehren diese den Menschen durch ihre Unterweisungen und ihr praktisches Beispiel. Diese Persönlichkeiten sind es, die die Veden vom Status der Theorie zu erlebbarer Wirklichkeit erheben. Die Menschen, die im Einklang mit den Unterweisungen der Weisen versuchen, die Veden zu verstehen und danach zu leben, bilden den dritten Pfeiler transzendentaler Wissenschaft, die erst in der Kombination dieser drei Aspekte zu einer solchen wird: die spirituellen Schriften, die selbstverwirklichten spirituellen Meister und die Gemeinschaft der Transzendentalisten, die den spirituellen Weg gehen.

Im Shrimad Bhagavatam, einem 5000 Jahre alten vedischen Text, ist die Erzählung Narada Munis aufgenommen, eines tri-kala-jna-Weisen, der seinem Schüler Vyasadeva, dem Autor dieser Schrift, berichtet, wie er selbst die Vollkommenheit erlangte.

Es heißt dort im 1. Canto:

Narada Muni: »Als ich ein Kind von nur fünf Jahren war, lebte ich in einer brahmana Schule. Ich war von der Zuneigung meiner Mutter abhängig und hatte keine Erfahrung von anderen Ländern. Eines Nachts, als meine arme Mutter aus dem Haus ging, um eine Kuh zu melken, wurde sie, unter dem Einfluß der erhabenen Zeit, von einer Schlange ins Bein gebissen. Ich sah das als besondere Gnade des Herrn an, der Seinen Geweihten stets Segen wünscht, und mit diesem Gedanken machte ich mich auf nach Norden. Ich kam durch viele blühende Großstädte, Städte und Dörfer; ich sah Gehöfte, Wiesen und Felder und durchwanderte Täler, Blumengärten, Schonungen und Wälder... Als ich so wanderte, fühlte ich mich körperlich wie auch geistig ermattet, und ich war durstig und hungrig. So badete ich in einem See und trank auch etwas Wasser. Durch die Berührung mit dem Wasser wurde ich von meiner Erschöpfung befreit. Danach setzte ich mich im Schatten eines Banyanbaumes in einem unbewohnten Wald nieder und meditierte über die Überseele in meinem Inneren, indem ich meine Intelligenz benutzte, wie ich es von den befreiten Seelen gelernt hatte. Sobald ich mit meinem Geist, der durch transzendentale Liebe gewandelt war, über die Lotosfüße der Persönlichkeit Gottes zu meditieren begann, rollten Tränen aus meinen Augen, und sogleich erschien die Persönlichkeit Gottes, Shri Krsna, auf dem Lotos meines Herzens. O Vyasadeva, als ich so von Glücksgefühlen überwältigt war, wurde jeder Teil meines Körpers belebt. In einem Ozean der Ekstase versunken, konnte ich weder mich selbst noch den Herrn sehen. Die transzendentale Gestalt des Herrn, wie sie ist, stellt den Wunsch des Geistes zufrieden und löst sogleich alle widersinnigen Vorstellungen auf. Als ich diese Gestalt aus den Augen verlor, stand ich unvermittelt auf, da ich verwirrt war, wie es der Fall ist, wenn man etwas Ersehntes verliert. Ich wünschte mir, diese transzendentale Gestalt des Herrn wiederzusehen, aber trotz meiner ungeduldigen Versuche, den Geist auf das Herz zu richten, um diese Gestalt erneut erblicken zu können, konnte ich Ihn nicht mehr sehen, und so war ich sehr unzufrieden und sehr traurig. Als der Herr, die Persönlichkeit Gottes, der zu allen weltlichen Beschreibungen transzendental ist, meine Bemühungen an diesem verlassenen Ort sah, sprach Er zu mir mit ernsten und wohltuenden Worten, um mein Leid zu lindern: O Narada, Ich bedaure, daß du während dieses Lebens nicht mehr fähig sein wirst, Mich noch einmal zu sehen. Diejenigen, die in ihrem Dienst unvollkommen und nicht völlig frei von materiellen Unreinheiten sind, können Mich schwerlich sehen. O Tugendhafter, du hast Meine Gestalt nur einmal gesehen und dies nur, damit deine Sehnsucht nach Mir stärker wird, denn je mehr du dich nach mir sehnst, desto schneller wirst du von allen materiellen Wünschen befreit werden Wenn ein Gottgeweihter der Absoluten Wahrheit dient – auch nur für einige Tage, richtet sich seine Intelligenz fest und entschlossen auf Mich. Er beschreitet diesen Pfad daher weiter und wird, nachdem er die gegenwärtige, beklagenswerten materiellen Welten aufgegeben hat, Mein Gefährte in der transzendentalen Welt. Mir hingegebene Intelligenz kann zu keiner Zeit verlorengehen. Selbst zur Zeit der Schöpfung und auch zur Zeit der Vernichtung wird dein Erinnerungsvermögen durch Meine Gnade fortbestehen. Dann verstummte diese höchste Autorität, die durch Klang verkörpert wurde und höchst wundervoll war, obwohl sie den Augen nicht sichtbar war. Und mit einem Gefühl der Dankbarkeit brachte ich Ihm meine Ehrerbietungen dar, indem ich mich verneigte.

Die vedischen Schriften enthalten unzählbar viele Beschreibungen von spirituellen Erlebnissen wie diese, die von den unterschiedlichsten Persönlichkeiten kommen. Diese bilden ein ganzes Spektrum spiritueller Verwirklichungen, das man noch mit den spirituellen Erfahrungen anderer spiritueller Traditionen ergänzen könnte. Die vedische Philosophie erklärt, wie dieses Spektrum in seiner ganzen Breite und Vielfalt zustande kommt, und zeigt die Einheit der absoluten Wahrheit, die diesen Erfahrungen zugrunde liegt.