Das Edelsteinorakel - Das Orakel der Palmblattbibliotheken

Von Marcus Schmieke

Kaum ein anderer Aspekt der indischen Mystik fasziniert so sehr, wie die Möglichkeit, nach Indien zu reisen, eine Palmblattbibliothek aufzusuchen und dort ein uraltes Palmblatt finden zu lassen, auf dem unsere persönliche Vergangenheit, Gegenwart und auch ein Teil der Zukunft in alten Sanskrit- oder Tamil-Buchstaben geschrieben steht.
Wie kann der Weise Brighu, der Astrologe, der entsprechend der Überlieferung vor Tausenden von Jahren diese Sammlung von Zehntausenden von Palmblättern aufgeschrieben hat, solch ein genaues Wissen über mein Leben besessen haben?

Durch die Übereinstimmung des tatsächlich Erlebten mit der Informationen, die dort über Vergangenheit und Gegenwart der Besucher von Palmblattbibliotheken gegeben wird, entwickelt sich das Vertrauen, dass auch die Vorhersagen stimmen werden.

Der Besuch einer guten Palmblattbibliothek ist in den meisten Fällen eine wertvolle Lebenshilfe. Wichtig ist jedoch, dass man mit einem ernsthaften Anliegen dorthin geht. Ebenso ist es wichtig, im richtigen Bewusstsein und Verständnis seines eigenen Selbst und seines Lebensflusses zu einer solchen Palmblattbibliothek zu gehen. Fatalistischer Schicksalsglaube ist ebenso unangebracht wie intellektueller Skeptizismus. Vor allem ist es hilfreich, in dem spirituellen Verständnis zu leben, dass alle Antworten, die gegeben werden, letztendlich von der einen alldurchdringenden Weisheit kommen.

Mein erster Besuch einer Palmblattbibliothek liegt viele Jahre zurück. Ich war mit zwei indischen Freunden, einem Anwalt und dem Sohn eines Regierungsmitgliedes im südlichen Indien unterwegs – ich erwähne das, weil es in Indien oft die persönlichen Beziehungen sind, die viele Möglichkeiten eröffnen.
Die eigentliche Bibliothek war in einem unscheinbaren indischen Gebäude neueren Ursprungs untergebracht, das sich in unmittelbarer Umgebung eines alten Tempels der Gottheit Vishnu befand. Der Palmblattleser war zugleich der Priester des Vishnu-Tempels, er beherrschte sowohl Sanskrit wie auch die klassische Vedische Astrologie. Dieser kleine, sehr schöne Tempel war ein bewundernswertes Beispiel klassischer südindischer Tempelbaukunst, errichtet nach den kostbaren Gesetzen des Vasati.

Um von dem Palmblattleser, dem Pandit, etwas über unser eigenes Schicksal zu erfahren, war der damalige Zeitpunkt jedoch äußerst ungeeignet. Vier Wochen zuvor war ein Kamerateam des indischen Fernsehens vor Ort, um einen Bericht über die Familientradition dieser Palmblattbibliothek zu drehen. In dem aufgezeichneten Interview stellt der Pandit seinen Sohn vor und bekundet seine Absicht, in nicht allzu ferner Zukunft seinen Sohn als seinen offiziellen Nachfolger einzusetzen. Er hatte die Palmblattlesekunst von seinem Vater erlernt. Einen Tag nach den Aufnahmen ereignete sich jedoch ein tragischer Unfall, bei dem der Sohn des Pandits tödlich verletzt wurde. Im Respekt gegenüber dieser Familientragödie verzichtete der Sender auf die Ausstrahlung der Aufzeichnungen. Das ganze Dorf trauerte um den Verlust des jungen Brahmanen.

Für Panditji, seine Helfer und Freunde im Umfeld der Palmblattbibliothek und des Tempels stellte sich nach diesem tragischen Ereignis auch die Frage, weshalb es sich ereignet hatte, da nun der Fortbestand der Palmblattbibliothek ernsthaft gefährdet war. Eine Palmblattbibliothek ist immer nur so gut wie ihr Palmblattleser. Es geht schließlich darum, für jeden Besucher das richtige Palmblatt zu finden und dieses mit seinem Leben in Beziehung zu setzen.

Panditji beriet sich daraufhin mit dem Leiter des benachbarten Tempels und beide beschlossen, ein Heiliges Orakel durchzuführen, um herauszufinden, weshalb das Unglück geschah, was es zu bedeuten hat und wie es in Zukunft weitergehen soll. Zu diesem Zweck wurde eine Gruppe traditioneller Brahmanen aus Kerala eingeladen, um ein Heiliges Orakel durchzuführen, welches als Astha Mangala Deva Prashna bezeichnet wird. Astha Mangala bedeutet „acht glückverheißende Dinge“ und besitzt auch eine wichtige numerologische Bedeutung, während Deva Prashna sich darauf bezieht, dass man seine „Fragen an Gott“ beziehungsweise an die Götter richtet. Prashna heißt einfach „Frage“ und ist ein Begriff, der ganz allgemein für Systeme gewählt wird, die aktuelle Fragen aus der Qualität des Zeitpunkts heraus, zu dem sie gestellt werden, beantworten.

Da das Anliegen dringend war, berechneten die Brahmanen einen günstigen Zeitpunkt, um das Prashna durchzuführen. Am Tag unserer Ankunft im Dorf erfuhren wir, dass am nächsten Tag das Astha Mangala Deva Prashna (der indische Name für das Edelsteinorakel) durchgeführt werden sollte. Wir hatten es unseren beiden Freunden, gebürtige Hindus und angesehene Mitglieder der Gesellschaft, zu verdanken, dass es uns gestattet wurde, an der Zeremonie teilzuhaben.

Am Tag des Heiligen Orakels wurde zunächst ein etwa vier Quadratmeter großer Bereich des Bodens gesäubert und dann mit einer dünnen Schicht ungekochtem Reis bedeckt und mit weißen Blumen und Gheelampen geschmückt, in denen reines Butterfett brannte. Man brachte außerdem die acht glückverheißenden Gegenstände, die als Weissagungssymbole beim Orakel verwendet werden: Butterfettlampen, Milch, Gold, Spiegel, Yoghurt, Früchte, ein Buch und ein weißes Tuch. Daraufhin verehrten die Brahmanen die Vishnu-Altargestalt des Tempels mit Lichtern, Räucherwerk, Blumen, Wasser, Mantras und einem Wedel, aus den Haaren eines Yaksschwanzes gebunden.

Nun sollte das eigentliche Orakel beginnen. Zu Beginn wurde ein älterer Brahmane, der der Astrologie nicht kundig war, gebeten, den indischen Tierkreis auf den Sandboden zu zeichnen: das ist ein Rechteck, bestehend aus zwölf kleineren Rechtecken, und sah etwa so aus:
Indischer Tierkreis
FischeWidderStierZwillinge
Wassermann Krebs
Steinbock Löwe
SchützeSkorpionWaageJungfrau
Daraufhin wurde ein junges Mädchen gebeten, ein Stück Gold auf dem Diagramm zu platzieren, um das für astrologische Berechnungen wichtige, am östlichen Horizont aufsteigende Sternzeichen, den Aszendenten, zu bestimmen. Erst dann sollte jener Teil der Zeremonie folgen, in dem der Panditji die Frage stellen würde, zu deren Beantwortung er das Heilige Orakel einberufen hatte.

Zu dieser Zeit meditierten die Priester über die Vishnu-Altargestalt des Tempels, während einer der Brahmanen mit seiner rechten Hand einen Haufen wunderschöner kleiner Meeresmuscheln hielt.
Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, das diese Muscheln und ihre Handhabung den eigentlichen Kern der ganzen mehr als siebenstündigen Zeremonie bildeten. Zwar konnte ich die hauptsächlich in Tamil Nadu und Hindi sprechenden Priester und Brahmanen nicht verstehen, doch beobachte ich wie der Priester, nachdem die bewegende Frage gestellt war, die Muscheln zuerst in drei Haufen teilte, um dann einen nach dem anderen auszuzählen.

Als das Ergebnis bekannt gegeben wurde, begann eine ernsthaft angeregte Diskussion über das Orakels, aus der der Kern der Antwort auf die gestellten Fragen abgeleitet wurde. Anschließend nahm der Priester wieder alle Muscheln zusammen und griff in Folge mehrfach hinein, um eine Handvoll Muscheln herauszunehmen, sie getrennt auf ein weißes Tuch zu legen und wiederum auszuzählen. Jedes mal gab das Ergebnis weitere Aufschlüsse und schien die Priester der Antwort auf die Frage näher zu bringen.

Zum Schluss nahm der Priester einen kleineren Haufen abgezählter Muscheln und warf sie nach gründlichem Mischen auf den Boden. Dieser Wurf schien eine eindeutige Sprache zu sprechen, so dass sich die Gruppe gelehrter Brahmanen, Priester und Astrologen bald auf eine übereinstimmende Antwort geeinigt hatten.

Von diesem Zeitpunkt an war meine Neugierde ebenso wie meine Überzeugung geweckt, dass ich die Sprache des Orakels lernen wollte. Ich wollte verstehen, weshalb sich diese gelehrten Astrologen und Palmblattleser letztlich bei der Beantwortung so wichtigster Fragen auf ein Orakel verließen. Obwohl ich weder den genauen Verlauf der Zeremonie noch die Sprache des Orakels verstand, nahm ich jedoch unmittelbar wahr, dass sich hierdurch eine ganz spontane tiefere Weisheit offenbarte, die sowohl den Bereich menschlicher Vernunft als auch die Intuition übersteigt. Die Priester kommunizierten über die Muscheln mit einer umfassenderen Weisheit.

Leider mussten wir schon am selben Abend nach Bangalore zurück, um unseren Flug nach Delhi nicht zu verpassen, wo ich wichtiger Teilnehmer einer für mich bedeutsamen vedischen Tempelzeremonie werden sollte: Ein Priester des Radha-Ramana-Tempel in Vrindavana, einer kleinen Tempelstadt zwischen Delhi und Agra, bereitete dort nämlich meine Hochzeit vor.

Und so hatte ich damals weder Zeit noch Gelegenheit, mehr über das Muschelorakel und seine geheimnisvolle Sprache zu erfahren. Doch nach Europa zurückgekehrt, begann ich eine intensive Suche nach seinen Geheimnissen.

Monate später führte mich eine Reise nach Norddeutschland zu einem guten Freund – und dort kam ich dem Orakel näher: in der Bibliothek meines Freundes fand sich eine alte Sanskritschrift über das Prashna mit dem Titel Prashna Marga. Als mein Freund mein unverblümtes Interesse an dem Muschelorakel entdeckte, holte er eine kleine mit Schnitzereien verzierte Holzschatulle hervor und zog den Inhalt heraus: ein weißes Tuch, in dem 108 Kaurimuscheln eingewickelt waren. Ich konnte es kaum glauben!

Und die Nacht wurde lang – ich wollte alles erfahren, was er darüber wusste. Seit Jahren praktizierte er dieses Orakel in jeder Mondphase (viermal im Monat) und eingebunden in eine kleine Zeremonie in Bezug auf alle wichtigen Fragen und Entscheidungen in seinem Leben mit großem Erfolg und Zufriedenheit.

Die Technik, die er anwendet, ist recht einfach, aber Erfahrung ist notwendig, um die richtigen Fragen zu stellen und im angemessenen Bewusstsein an das Orakel heranzutreten. Er überließ mir den Sanskrittext, und ich konnte mich – wieder nach Hause zurückgekehrt – in das Studium der Sprache des Orakels vertiefen.

Das Orakel in fünf Schritten

Die folgenden fünf Schritte stellen die einfachste Form dar, das Edelsteinorakel zu legen und auszuwerten.

Nimm 108 Orakelsteine zur Hand. Dies können 108 Muscheln oder auch Steine wie Rosenquarze sein. Lege die Steine vor dich auf eine ebene Fläche, auf ein vor dir ausgebreitetes Stofftuch und berühre sie mit deiner rechten Hand. Die Berührung ist wichtig, um mit der Energie der Edelsteine Kontakt aufzunehmen.

Stelle dann deine Frage und bitte die höhere Weisheit, durch die Planetenkräfte zu antworten, die sich im Legen der Edelsteine widerspiegeln werden.

Diese Bitte kannst du in deinen eigenen Worten stellen oder sie auf folgende Weise formulieren:

„Ich bitte die Seele des Universums durch die Planeten
meine Frage zum Wohle des Ganzen mit Hilfe dieses Orakels
zu beantworten.“

Anstatt des Begriffs „Seele des Universums“ kannst du auch Überseele, Gott oder höhere Weisheit setzen, je nachdem, zu welchem Begriff du eine stärkere Beziehung hast.

Schritt 1: Bleibe in Gedanken bei deiner Frage und teile die 108 Rosenquarze, ohne zu zählen, ganz intuitiv in drei Häufchen. Schiebe sie rechts, in die Mitte und links vor dich.

Schritt 2: Beginne mit dem links von dir liegenden Häuflein. Zähle so oft acht Steine ab, indem du sie zur Seite schiebst, bis nur noch eine Anzahl von eins bis acht Edelsteinen übrig ist. Mit dem mittleren und rechten Häuflein machst du es genau so. Auch hier werden jeweils Mengen zwischen eins und acht Edelsteinen übrig bleiben. Merke oder notiere dir jeweils die Anzahl der Steine.

Alternative: Zähle die Edelsteine pro Häufchen und teile die Anzahl durch 8. Du ermittelst auch so den verbleibenden Rest. Notiere den Rest unterhalb der Anzahl der Edelsteine. (27 : 8 = 4, Rest 3; 46 : 8 = 5, Rest 6, usw.). Ist die Anzahl der Edelsteine glatt durch acht teilbar (es bleibt dann kein Rest), ist das Ergebnis immer acht.

Beispiel:
linksMitterechts
274635
363
Schritt 3: Betrachte die energetische Hauptaussage des Orakels: Die links liegenden Rosenquarze repräsentieren die Vergangenheit, die mittleren die Gegenwart und die rechts liegenden die Zukunft. Gerade Zahlen (2, 4, 6 und 8), weisen auf Probleme und Schwierigkeiten und ungerade Zahlen (1, 3, 5 und 7) auf Erfolg und Gelingen hin.

Beispiel:
VergangenheitGegenwartZukunft
linksMitterechts
(27)(46)(35)
363
Schritt 4: Jede Zahl steht für einen Planeten. Die Zahl ist ein Symbol für die Planetenenergie. Bestimme die Planeten mit der folgenden Zuordnung. Über die Natur der Planeten erkennst du in Bezug auf deine Frage die Art der jeweils günstigen oder ungünstigen Einflüsse:
PlanetQualitätFolge
1Sonne+Erfolg, Macht und Sieg
2Mars-Risiko, Streit, plötzliche Veränderungen, Fahrlässigkeit, Gewaltanwendungen
3Jupiter+Wachstum, Erfolg, Gewinne, Spiritualität
4Merkur-Verluste, Disharmonie mit dem Ganzen
5Venus+Genuss, Liebe, Komfort, Zuwendungen, Besitz
6Saturn-Leid, Missverständnisse, Verzögerungen
7Mond+Frieden, Glück, Erfolg, Familie
8Rahu-Streit, Vergiftungen, dunkle Energien
Schritt 5: Deute die Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Bezug auf deine Frage entsprechend der Natur der Planeten.

Ein Beispiel: Finden zwei Menschen wieder zusammen?

Im folgenden Beispiel geht es um eine besorgte Mutter. Ihre Tochter hatte sich kurz vor der geplanten Hochzeit plötzlich von ihrem Verlobten getrennt und die Hochzeit abgesagt In den Augen von Familie und Freunden waren die beiden ein ideales Paar – und alle hofften, dass sie bald wieder zusammen finden würden. Wir befragten das Edelsteinorakel nach der Entwicklung dieser Beziehung.
VergangenheitGegenwartZukunft
561
VenusSaturnSonne
Das Ergebnis spricht eine klare Sprache. Venus in der Vergangenheit weist auf die Liebesbeziehung hin, die bei allen den Eindruck einer idealen Partnerschaft erweckte. Der gegenwärtige Saturneinfluss symbolisiert die Trennung, da Saturn der klassische Indikator für Trennung und Scheidung ist. Die Zukunft sieht rosiger aus: sie wird von der Erfolg und Zuversicht gebenden Sonne dominiert.

Das Edelsteinorakel besagt, dass die beiden wieder zusammenkommen werden, um es noch einmal miteinander zu versuchen. Der herausfordernde Saturneinfluss wird jedoch auch in naher Zukunft die Beziehung beeinflussen, denn Saturn ist der Feind der Sonne. Es wird weiterhin Probleme geben und innerhalb des kommenden Jahres mehrfach von Trennung die Rede sein.

Wahrscheinlich wird das Paar durch die Kraft der Sonne letztlich die Schwierigkeiten überwinden und in ihrer Beziehung die tiefere Dimension (Saturn) entdecken.

Die von Venus beschützte unbeschwert romantische Beziehung gehört jedoch der Vergangenheit an. Die Sonne spiegelt dafür auch die Chance zu einer von tiefer Weisheit geprägten dauerhaften Verbindung.

Tatsächlich zogen beide schon innerhalb von zwei Wochen wieder zusammen; und ohne den Druck der bevorstehenden Hochzeit konnte sich ihre Beziehung dann auch freier entwickeln.

Weiterhin gibt es Möglichkeiten, das Orakel medizinisch zu deuten, wobei die drei Stellen der Orakelzahl die verschiedenen Körperabschnitte repräsentieren.

Auch enthalten die vedischen Schriften wertvolle Hinweise, wie man die durch das Orakel erkannten Planeteneinflüsse zum Positiven hin beeinflussen kann. All dies und vieles mehr beschreibe ich ausführlich in meinem Buch
„Das Edelsteinorakel – Das Orakel der Palmblattbibliotheken“, das im Veden-Akademie Online Shop im Set zusammen mit 108 Orakelsteinen (Rosenquarze) erhältlich ist.